Arrieta gewinnt ein komplett verrücktes Finale, Eulálio übernimmt Rosa.
Das Morgenbriefing für den 14. Mai: erst der Vortag in verständlich, dann die Top 10 der Gesamtwertung, das heutige Profil und ein paar Geschichten aus dem Giro-Kosmos.
Was gestern passiert ist
Etappe 5 von Praia a Mare nach Potenza war der erste Tag dieses Giro, an dem das Rennen aus dem üblichen Kontrollmuster herausgefallen ist. Regen, Kälte, eine große Flucht und der Montagna Grande di Viggiano machten aus dem Tag keinen reinen Ausreißer-Ausflug, sondern eine echte Verschiebung im Gesamtklassement.
Igor Arrieta und Afonso Eulálio waren am Ende die beiden stärksten Fahrer vorn. Erst stürzte Arrieta in einer Kurve, dann erwischte es Eulálio, später verpasste Arrieta sogar noch eine Abzweigung. Normalerweise ist das die Reihenfolge, in der man eine Etappe verliert. Arrieta kam trotzdem zurück, fing Eulálio auf den letzten Metern ab und gewann in Potenza.
Für Eulálio war es trotzdem der größte Tag seiner Karriere: kein Etappensieg, aber Rosa. Giulio Ciccone verlor das Maglia Rosa nach nur einem Tag, weil die Favoritengruppe mehr als sieben Minuten hinter der Spitzengruppe ins Ziel kam.
Gesamtwertung nach Etappe 5
Die Top 10 ist durch die Flucht komplett durcheinandergeraten. Eulálio hat jetzt einen echten Zeitpuffer, aber die großen GC-Favoriten liegen noch nah beieinander hinter Platz 10. Vor Blockhaus ist die Kernfrage: Lassen die Favoritenteams Bahrain und UAE noch einen Tag in Ruhe, oder beginnt die Korrektur schon morgen in den Bergen?
| Rang | Fahrer | Nation | Team | Rückstand |
|---|---|---|---|---|
| 1 | Afonso Eulálio | Portugal | Bahrain Victorious | 21:27:43 |
| 2 | Igor Arrieta | Spanien | UAE Team Emirates-XRG | +2:51 |
| 3 | Christian Scaroni | Italien | XDS Astana | +3:34 |
| 4 | Andrea Raccagni Noviero | Italien | Soudal Quick-Step | +3:39 |
| 5 | Johannes Kulset | Norwegen | Uno-X Mobility | +5:17 |
| 6 | Giulio Ciccone | Italien | Lidl-Trek | +6:12 |
| 7 | Jan Christen | Schweiz | UAE Team Emirates-XRG | +6:16 |
| 8 | Florian Stork | Deutschland | Tudor Pro Cycling Team | +6:16 |
| 9 | Egan Bernal | Kolumbien | Netcompany-Ineos | +6:16 |
| 10 | Thymen Arensman | Niederlande | Netcompany-Ineos | +6:18 |
Geschichten am Rand
Neben Ergebnis und Zeitabständen hatte dieser Tag auch ein paar dieser kleinen Giro-Geschichten, die man in einer reinen Ergebnisliste verpassen würde.
Arrieta und der Blick nach Hause
Igor Arrieta ist der Sohn von José Luis Arrieta, früher Helfer von Miguel Indurain. Spanische Medien machten daraus nach dem Sieg sofort eine Familiengeschichte: der Vater vor dem Fernseher, der Sohn im Chaos von Potenza, beide verbunden durch einen dieser seltenen Grand-Tour-Momente.
Eine Wette mit Caruso
Eulálio erzählte nach der Etappe von einer laufenden Wette mit Damiano Caruso: Wenn er zwei Giro-Etappen gewinnt, soll Caruso noch ein Jahr dranhängen. Etappe 5 wurde es knapp nicht, aber Rosa macht die Geschichte für Bahrain fast noch größer.
Der Giro riecht manchmal anders
Lotto-Intermarché kämpft weiter mit einer Krankheitswelle. Berichte führen sie auf ein Rennen in Belgien zurück, bei dem Regen und verschmutzte Straßen für Magenprobleme im Feld gesorgt haben sollen. Milan Menten und Arnaud De Lie mussten inzwischen raus.
Heute: Etappe 6, Paestum - Neapel
Etappe 6 wirkt auf dem Papier wie der Tag zum Durchatmen: 141 bis 142 Kilometer, Start in Paestum, Ziel in Neapel, kein langer schwerer Berg. Genau deshalb darf man sie aber nicht zu früh als langweiligen Sprinttag abstempeln. Der erste Abschnitt führt flach an der Küste entlang, danach kommt bei Cava de' Tirreni ein Bergpreis der 4. Kategorie: 7,1 Kilometer mit 2,7 Prozent im Schnitt. Das ist kein GC-Anstieg, kann aber helfen, eine Flucht zu sortieren und reine Sprinterteams kurz arbeiten zu lassen.
Nach dem Berg wird das Rennen wieder flacher und führt nördlich am Vesuv vorbei Richtung Neapel. Der taktische Kern liegt im Finale: Die letzten 19 Kilometer sind urban, schnell und voller Positionskampf. Es gibt breite Straßen, aber auch Kurven und Stadtmöbel. Unter dem roten Lappen wechselt der Untergrund auf Steinplatten, die Straße steigt mit etwa 4 Prozent an, und etwa 400 Meter vor dem Ziel kommt noch eine enge Wende. Das schreit nach einem Sprint, bei dem nicht der nominell schnellste Fahrer gewinnt, sondern derjenige, der mit frischen Beinen an der richtigen Stelle durchkommt.
Watch-Empfehlung
Heute: die komplette Etappe ist kein Muss, aber die letzten 8 bis 10 Kilometer sind sehenswert. Das Finale ist technisch genug, um Chaos zu produzieren. Morgen: Blockhaus ist Pflichtprogramm, weil dort erstmals wirklich sichtbar werden dürfte, wie stabil Eulálios Rosa und die Form der großen Favoriten sind.